Über Hildegard Knef

Hilde Knef

Deutschlands letzte Diva


Einer der treffendsten Sätze, der jemals bezüglich des musikalischen Vermögens eines der größten deutschen Stars mit verheerender (im positiven Sinne) internationaler Wirkung formuliert und geäußert wurde, stammt von einer Sängerin, die es wissen sollte: Ella Fitzgerald. Und die wusste über die Knef: „Sie ist die größte Sängerin ohne Stimme“.


Hildegard Frieda Albertine Knef wurde als Tochter eines Prokuristen in Ulm geboren. Nur ein Jahr nach ihrer Geburt starb ihr Vater und die Mutter zog mit ihrer Tochter nach Berlin. Nach ihrer Kinderlähmung, der erneuten Heirat ihrer Mutter und der mittleren Reife, fängt die Knef als 15-jährige eine Ausbildung als Zeichnerin in der Trickfilmabteilung der UFA-Filmstudios in Berlin-Mitte.


Noch während des Krieges wird einer der in Deutschland verbliebenen Männer auf sie aufmerksam. 1942 verschafft ihr Wolfgang Liebeneiner eine Ausbildung zur Schauspielerin. Gerade rechtzeitig beginnt sie 1944 eine entsprechend hilfreiche Affäre mit einem hohen Partei-Funktionär in Nazi-Deutschland, dem Reichsfilmdramaturg Ewald von Demandowsky. Auch deswegen trat sie noch vor Kriegsende in diversen Filmen auf. Im Nachkriegsdeutschland trat Knef vorwiegend im Kabarett sowie im Theater auf.


Eine Affäre mit einem Nazi konnte ihr nun nicht mehr weiterhelfen. Am 15. Dezember 1947 heiratete sie einen Alliierten-Offizier. Allerdings hatte sie schon ein Jahr zuvor begonnen, Filme zu drehen. So trug es sich dann auch zu, dass Knef im ersten in Nachkriegsdeutschland gedrehten Film „Die Mörder sind unter uns“ eine Hauptrolle spielte und wohl auch deswegen zum ersten großen deutschen Nachkriegsstar avancierte. Was sie in keinster Weise daran hindert, 1950 amerikanische Staatsbürgerin zu werden.


Noch im gleichen Jahr beginnen die Dreharbeiten zu dem Drama „Die Sünderin“, in der die Knef nicht nur in der Hauptrolle, sondern auch in einer kurzen Szene mit entblößter Brust zu sehen ist. Die völlig überzogene Skandalisierung des Films als auch der so genannten Nackt-Szene selbst, verschaffen der Knef aber nicht nur einen ungeheuren Popularitätsschub, sondern konfrontieren sie mit Kino- und Film-Boykotten in ganz Europa.


Eine Klage schafft es gar bis vor den Bundesgerichtshof. Knef kehrte den Ignoranten den Rücken und zog nach Hollywood. Hildegarde Neff, wie man sie manchmal dort nannte, unterschrieb einen Vertrag bei der 20th Century Fox und 1951 wählten die Amis sie zur Schauspielerin mit dem größten Sex-Appeal.


Zwischen 1954 und 1956 konnte die Knef ihre ersten Erfolge am Broadway feiern. 1957 verließ sie die USA wieder, nachdem sie sich mit ihrer Filmproduktionsfirma überworfen hatte. Ihre Schauspieler-Karriere war damit aber auch so gut wie zu Ende. Sie spielte noch in ein paar europäischen Filmen mit, denen dann auch die Bekanntschaft zu ihrem zweiten Mann David Cameron entsprang.


Quasi nebenbei hatte die Knef Jazz-Platten in Frankreich eingesungen. Dadurch wurde sie auch in Deutschland wieder zu einem Thema. 1962 entstand ihre ersten Schallplattenaufnahme in Deutschland seit 1951. 1963 folgte ihre erste LP. Ab Mitte der 1960-er Jahre trat sie regelmäßig in Fernsehshows auf – und nur ein weiteres Jahr später kam es zu ihrer ersten Konzerttournee.


An den Erfolg ihrer Plattenaufnahmen gewöhnte sie die Knef schnell. 1968 musste sie aufgrund der Geburt ihrer ersten Tochter für kurze Zeit pausieren. Noch im selben Jahr erschien das heute als ihr Erkennungslied bezeichnete „Für mich soll’s rote Rosen regnen“.

Da die Knef noch nie was von Grenzen hatte wissen wollen, versuchte sie sich 1970 mit der Veröffentlichung ihrer Autobiographie unter dem Titel „Der geschenkte Gaul“ als Schriftstellerin. Und auch diese Unternehmung sollte dem Tausendsassa gelingen. Davon angespornt erschien 1975 mit „Das Urteil“ ein Buch, in dem die Knef in bisher unbekannter Offenheit Krebs im allgemeinen und ihren Brustkrebs im Speziellen thematisierte. Ein Jahr später ging ihre zweite Ehe in die Brüche. Und ihr Karriere stagnierte. Sie heiratete einen 15 Jahre jüngeren Mann und zieht Anfang der 1980-er nach Los Angeles.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland um die 1990-er herum galt sie für eine unangenehm lange Zeit als verschuldeter und verlotterter Ex-Star, der nun auf Sozialhilfe angewiesen war. Erst mit der Neuaufnahme ihrer Erkennungsmelodie mit der ebenfalls nicht mehr ganz so populären Band Extrabreit stieg ihr Stern wieder. In den letzten 10 Jahren ihres Lebens galt sie als Grande Dame – zu Recht. Ihr Lebenswerk ist zumindest in Deutschland einmalig und unerreicht.

(phononet gmbh)


Interview

"Hilde Knef war sehr berechnend" - Späte Abrechnung: Kurt Hirsch, erster Ehemann der berühmten Berliner Schauspielerin, packt aus.


Hildegard Knef hatte augenscheinlich mehr Geheimnisse, als man vermuten konnte.

In einem Interview mit dem RBB bricht Hirsch jetzt erstmals sein Schweigen über seine Ehe mit der Knef (1947 bis 1951). "Ich war sehr naiv. Es war eine große Liebe und Liebe macht eben blind. Der Mohr hatte irgendwann seine Schuldigkeit getan, der Mohr konnte gehen." Der Mohr, das sei er gewesen. Die Ehe habe nur so lange gehalten, wie sie ihn für ihre Karriere in den USA gebraucht habe. "Hilde war kein schlechter Mensch, aber sehr berechnend. Ich habe einiges für sie gedeichselt, aber es war ihr nicht genug", sagte Hirsch in dem Film "Knef - Die frühen Jahre" von Felix Moeller.

"Meine Ehe mit Hilde platzte wegen eines Regisseurs, der gut im Geschäft war. Ich habe sie vor die Wahl gestellt: Er oder ich. Sie hat die Sache mit ihm nicht beendet. Ich packte meine Sachen und ging. Ich hätte auf die anderen hören und keine Schauspielerin heiraten sollen."

Das bittere Fazit - es paßt nicht zu den Anfängen seiner Liebe mit der Knef, die er in Berlin wegen ihrer Schönheit auf der Straße ansprach und mit der er später nach New York und Los Angeles zog: um ihrer internationalen Karriere willen. Aus Liebe zu ihr brach er mit seinen Eltern, die nie akzeptiert hatten, daß der Sohn aus jüdischem Haus ein deutsches Mädchen heiratet. "Wir haben viele Angehörige durch die Nazis verloren.

Meine Eltern konnten nicht über ihren Schatten springen. Sie haben Hilde nicht gemocht. Wir waren bitterböse miteinander", erinnert sich Hirsch im RBB. Über diese Zeit sagte Hilde Knef einst selbst: "Ich hatte einen Hollywood-Vertrag, aber keine Arbeit. Ich durfte nur Probeaufnahmen machen. Ich saß drei Jahre nur rum."

Ehemann Nummer zwei, Schauspieler David Cameron, Vater der Knef-Tochter Christina Gardiner (37), verriet im RBB-Gespräch ein anderes Geheimnis: "Das Kriegsende hing wie ein Damokles-Schwert über Hilde." Das habe mit ihrer ersten großen Liebe, dem Goebbels-Freund und Filmkonzern-Chef Ewald von Demandowsky zu tun, den sie nach seiner Verhaftung nicht wieder sah und dessen Todesumstände nie wirklich geklärt worden seien. Demandowskys Sohn sagt: "Ich wollte in all den Jahren Kontakt mit Frau Knef aufnehmen. Ich wurde nicht vorgelassen. Sie hatte nicht die Größe, die Kinder aus der Ehe ihrer ersten großen Liebe kennen zu lernen. Ich verstehe das bis heute nicht."

(aus: Die WELT)

Zum Tod

"Die Unkaputtbare" im Gespräch
 
Winter 2000 in Berlin: Ein Interview mit Hildegard Knef / aus "Sonntag Aktuell"
 
Das folgende Interview mit Hildegard Knef erschien am 6. Februar in "Sonntag Aktuell", der siebten Ausgabe von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten.
 
Sie ist die Königsklasse, ein Weltstar aus Deutschland: Mit "17 Millimeter", ihrer ersten CD nach 20 Jahren, feiert Hildegard Knef (74) ein umjubeltes Comeback. Totgesagte singen besser - das ist wörtlich zu nehmen: Ein Beinbruch, ein Herz-Kreislauf-Kollaps, zuletzt zwei Lungenentzündungen - nichts blieb der erfolgreichen Schauspielerin, Autorin und Sängerin erspart. Steif sitzt sie beim Interview auf dem Sofa in ihrer modernen Wohnung in Berlin, hier lebt sie mit Ehemann Paul von Schell. Doch wer ihr so gegenüber sitzt, spürt vor allem eines: Lebenswillen.

Frau Knef, warum wagten Sie nicht früher ein Comeback?

Ich hatte Koffer voller Texte, doch keinen Till Brönner, der als Komponist und Arrangeur grandios ist. Als Trompeter ist er besser noch als Chet Baker. Und ich wollte nicht mit Mittelmäßigkeit zurückkehren.

Till Brönner schuf ein modernes Ambiente mit Elementen auch von Jazz, Hip-Hop - haben Sie sich sofort verstanden?

Sofort. Till ist mit seinen 27 zwar noch ein ganz junges Ding, aber verrückt wie ich. Wir verstehen uns blendend.

Sie singen mit rauher und einer noch etwas knarziger gewordenen Stimme von Berliner Baukränen, wo nichts als Krater waren, oder von Herrn Kalecke und seiner Friedhofsgärtnerei: Süßliches liegt Ihnen nicht?

Sie meinen schwachsinnige Heile-Welt-Reime mit Sonne auf Wonne und Herz auf Schmerz? Nein, weiß Gott nicht. So ein Mist lag mir nie. Es wäre eine Lüge, wenn ich so etwas singen würde. Beim Schreiben habe ich nie nach Außen gedacht, nur an mich.

In den 60ern haben Sie das deutsche Chanson erfunden...

Danke, das nehme ich als Kompliment. Darauf wäre damals keiner gekommen. In der damaligen Macho-Welt war eine Frau, die ihre Texte selber schreibt und sich ihre eigene Band zusammenstellt, nur suspekt.

Auch ihre Autobiografie ''Der geschenkte Gaul'', eine der drastischsten Schilderungen der Schlacht um Berlin und die Kriegswirren danach, sorgte für Furore.

Ich habe in dieses Buch einfach alles reingeworfen: die eigenen schlimmen Erfahrungen, den Horror, die Angst und Einsamkeit in russischer Isolationshaft 1945, alles das, was ich für nötig fand, dass man es schreibt.

Sie drehten 50 Filme, verkauften Millionen von Platten und schrieben zwei Welt-Bestseller. Privat lief es weniger gut.

Mindestens viermal musste ich neu anfangen. Es kostete jedes Mal die doppelte Kraft, die Untergangsstimmung zu bekämpfen, um wieder arbeiten zu können. Mit Gesundheit aber war ich nie gesegnet, von Polio bis Krebs hatte ich fast alles. Doch es geht mir auf die Mütze, darüber zu reden. Es ist entsetzlich, wenn sich Menschen fröhlich über ihre Krankheiten austauschen. Sind die denn darauf auch noch stolz?

Sie rappelten sich jedes Mal wieder auf?

Klopfen Sie auf Holz. Ich bin kein Mensch, der sich platt hinlegt und sagt: Jetzt ist es aus. Ich wüsste auch nicht, in welche Situation ich dafür kommen müsste.

Nach Ihrer Nacktszene in ''Die Sünderin'' von 1950 galten Sie als moralisch verkommen. Haben Sie den Film bereut?

Die Sünderin, das war ein dämliches Mädeldrama, bei dem vor Prüderie keiner wusste, wo er hingucken sollte. Du lieber Gott. Die Hälfte des Landes war vergewaltigt worden, davon sprach keiner. Es war zu albern: Bei Auschwitz waren sie alle still und bei der Sünderin stiegen sie auf die Hühnerleiter. Zu doof war das.

Hatten Sie keine Lust, in einem Heimatfilm die Fischerin vom Bodensee zu spielen?

Nein, wie fürchterlich. Ich ging 1946 nach Hollywood, weil ich einen Vertrag hatte und mit einem amerikanischen Offizier verheiratet war. Dass ich dort zwar Englisch lernen durfte, zunächst aber keiner nur im Geringsten die Idee hatte, mich Filme machen zu lassen? Nun ja, ich kam später zum Zug.

Die Weltkarriere führt noch heute über Hollywood, auch Deutsche wie Til Schweiger und Kati Witt reden gerne über ihre Pläne dort.

Manche, die erst einen oder zwei Filme drehten, kann ich nur warnen: In L.A. sieht jeder zweite Tankwart aus wie Paul Newman. Und Kati Witt, will sie dort Eislaufen? Wir werden ja sehen.

Sie feierten in der Hauptrolle von ''Silk Stockings'' auch am Broadway Erfolge, im eigenen Land aber blieben Sie umstritten?

In Deutschland gibt es leider eine Tendenz, die Menschen, die im Ausland einen Supererfolg haben, klein zu machen. Ich habe das nie verstanden. Zumal ich es mit diesem furchtbaren Hakenkreuz auf meinem Rücken viel schwer hatte.

Die ganz großen Filme waren Ihnen anders als Marlene Dietrich nicht gegönnt?

Na ja, Marlene hatte ein ganz anderes Schicksal. Sie ging nach Amerika, als Hitler noch nicht an der Macht war. Zudem hat Sternberg, ihr Regisseur, sieben grandiose Filme mit ihr und vor allem für sie gedreht. Das ist mir nie geschenkt worden.

Marlene Dietrich war Ihre "mütterliche Freundin", vor ihrem Tod hatten aber auch Sie keinen Kontakt mehr zu ihr?

Nur am Telefon. Ich glaube, ihre Tochter durfte sie noch besuchen. Zu mir hat sie gesagt: Du mußt respektieren und verstehen, dass ich nicht gesehen werden will, wie ich heute bin.

Sie haben es verstanden?

Nein, nie. Weil wir alle älter werden und die Schönheit nun mal dem Alter unterliegt. Wer sich aber 20 Jahre vor der Welt versteckt, der begeht Verrat am eigenen Leben. Und wer weiß, vielleicht ist etwas an deinem Gesicht sogar noch interessanter als vor 20 Jahren, weil du dir nun ganz andere Fragen stellst.

Tribut Ersteller

Sascha Becker

    Amsterdam, Niederlande