Grabstätte
Lillis Grabstätte in Forest Lawn Memorial Park (Glendale)
Glendale
Los Angeles County
California, USA

Ich hätte Angst, wenn es den Tod nicht gäbe
Dieses Interview gab Lilli Palmer am 24. Mai 1985, ihrem einundsiebzigsten Geburtstag, Gero von Boehm vom Südwestfunk.
Gero von Boehm: Sind Depressionen für Sie etwas völlig Unbekanntes?
Lilli Palmer: Da haben Sie recht. Sie sprechen von den Depressionen, die organisch sind, die grundlos auf einen heruntersausen, wenn man morgens aufwacht.
Nicht unbedingt. Man kann auch Depressionen, die mit Grund auf einen heruntersausen, verdrängen, indem man die Welt so sieht wie Sie: Daß alles schön ist und freundlich, und man sich am Frühling freut.
Nein ... Ich habe sehr viel Tragik erlebt in meinem Leben, und sehr viel - was ist da jetzt ein schönes Wort auf Deutsch? - Mißerfolg oder Danebengelungenes. Davon hab' ich meinen Teil gehabt, glaube ich, wie jeder andere auch. Und natürlich bin ich dann deprimiert, natürlich bin ich enttäuscht. Aber das ist ja bedingt, das ist ja gut, das soll's ja auch sein. Denn, wenn ich mal eines schönen Tages - das ist ein Spiel, das ich oft mit mir spiele - in der schwarzen
Schachtel hege und Daumen drücke und zurückblicke auf mein Leben und sage: "Das ist ja wohl unglaublich, ist ja schon toll", dann würde ich doch sagen, daß ich wenig ausgelassen habe von den scheußllchen Dingen, wie von den herrllchen Dingen. Das finde ich eine gute Sache.
Das klingt so, als hätten Sie auch keine Angst vorm Sterben.
Nein. Da haben Sie recht, das hab' ich nicht. Ich hätte furchtbare Angst, wenn Sie mir jetzt sagen würden, ab nächsten Montag wird nicht mehr gestorben. Dann hätte ich Angst. Das finde ich persönlich eine größere Katastrophe als die Atombombe.
Ihr Vater war Arzt und hat sie als kleines Mädchen schon oft ins Krankenhaus mitgenommen. Das heißt, Krankheit, Leid und auch Tod waren Ihnen ja von Anfang an vertraut. Es wäre also ziemlich schwer, Sie zu belügen, wenn Sie jetzt, gesetzt den Fall, unheilbar krank wären, und man würde Sie eben belügen, man würde sagen: Es ist gar nichts. Sie kennen all diese Schliche. Würden Sie denn belogen werden wollen?
Komisch, daß Sie das sagen. Das ist doch wörtllch das, was meine Mutter zu mir sagte. Meine Mutter überlebte meinen Vater, den sie so heiß geliebt hat, so viele Jahre. Und sie sagte immer zu mir: "Wer wird mich mal belügen? Ich kenn' doch die ganzen Schllche." Und da hab' ich gesagt: "Ich. Ich werde dich belügen. Wozu bin ich denn Schauspielerin?." Ich hab's auch geschafft, und sie hat's nicht gewußt. Das ist zwanzig Jahre her. Aber in unserer Zeit ist man ja so wüd darauf, daß man's den Leuten gleich sagt, was ich übrigens für einen großen Fehler halte.
Aber Sie sagen ja auch, Sie wollen nicht belogen werden.
Das ist 'ne andere Sache, wenn ich meinem Arzt sage: "Hören Sie, ich habe ein tolles Leben gehabt, Sie können mir ruhig sagen, ob ich noch sechs Monate habe oder vielleicht sogar noch zwei Jahre." Aber wenn ein junger Mensch von dreißig, vierzig, fünfzig Jahren plötzllch von einer unheübaren Krankheit befallen wird, wo er noch ein paar Jahre zu leben hat, dann finde ich es geradezu einen Wahnsinn, ihm nun zu sagen: Du, hör' mal zu . . . Wenn er's nicht weiß, dann soll man ihm doch noch wenigstens die paar Jahre lassen.
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